Sep 3, 2019
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Duthel.info Zurich-Manager Giovanni Giuliani: „Die Branche hat lange geschlafen“

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Giovanni Giuliani ist einer der wichtigsten Köpfe, wenn es um die strategische Ausrichtung der Zurich Versicherung geht. Erst im August 2016 stieß er zur Schweizer Assekuranz, und seither leitet der 48-jährige Italiener die Strategieabteilung des Versicherers. Mit dem Handelsblatt sprach der Topmanager über den massiven Wandel in der Branche, die veränderten Wünsche vieler junger Verbraucher…

Duthel.info

Giovanni Giuliani ist einer der wichtigsten Köpfe, wenn es um die strategische Ausrichtung der Zurich Versicherung geht. Erst im August 2016 stieß er zur Schweizer Assekuranz, und seither leitet der 48-jährige Italiener die Strategieabteilung des Versicherers. Mit dem Handelsblatt sprach der Topmanager über den massiven Wandel in der Branche, die veränderten Wünsche vieler junger Verbraucher und über die Frage, ob ihm Amazon und Co. Angst machen.

Herr Giuliani, haben Sie daheim einen sprachgesteuerten digitalen Assistenten wie Alexa oder Google Assistant?

Ja, wir haben tatsächlich einen Sprachassistenten von Amazon daheim stehen. Vor allem meine Kinder nutzen Alexa bei uns auch sehr häufig. Aber ehrlich gesagt finde ich die Box ebenfalls ziemlich nützlich.

Diese Systeme arbeiten mit Künstlicher Intelligenz. Wie sehr werden solche modernen Technologien die Versicherungsbranche verändern?

Ich bin überzeugt, dass diese Technologien die Branche stark verändern werden. Gerade wenn wir darüber nachdenken, wie wir Produkte für unsere Kunden einfacher machen können, spielt Künstliche Intelligenz eine wichtige Rolle. Aber auch die Versicherer selbst können profitieren. Viele Abläufe werden künftig viel effizienter ablaufen, und wir können Risiken durch neue Methoden viel besser einschätzen, da wir viel mehr Informationen und Daten auswerten können als bisher.

Müssen die etablierten Versicherer stärker denn je zu Technologieunternehmen werden?

Ich würde nicht sagen, dass wir komplett zu Technologiefirmen werden müssen, die nebenbei auch Versicherungen verkaufen. Aber unser Geschäft war schon immer stark von Daten getrieben. Wir durchleben gegenwärtig eine Zeit des Wandels, im Ausmaß ähnlich der industriellen Revolution. Die Erwartungen und Wünsche unserer Kunden verändern sich durch die Digitalisierung.

Müssen auch die Produkte künftig anders aussehen?

Definitiv. Die Produkte müssen viel flexibler und individueller werden. Zum Beispiel sind wir im Juli in Spanien mit einer neuen Plattform unter der Marke „doppo“ an den Markt gegangen. Unsere Kunden in Spanien können nun von der ersten volldigitalen Fahrzeugversicherungsplattform Gebrauch machen und beim Abschluss einer Police selbst bestimmen, welchen Prozentsatz des Gesamtwerts des Fahrzeugs sie versichern möchten. Der Kunde bestimmt, welche Prämie er bezahlen möchte, und wir machen ihm ein auf seine persönlichen Wünsche abgestimmtes Angebot. Der Kunde sitzt also wortwörtlich am Steuer.

Haben Sie den Eindruck, dass die Branche diesen grundlegenden Wandel überall verstanden hat?

Die Branche hat diesbezüglich lange geschlafen. Aber viele Firmen sind inzwischen aufgewacht. Es gibt sicher einige Versicherer, die bereits weiter voraus sind – und dazu zähle ich auch Zurich. Andere liegen vielleicht noch etwas weiter zurück. Doch es gibt keine Alternative zur Weiterentwicklung. Niemand sollte glauben, die sich wandelnden Kundenbedürfnisse seien lediglich ein temporäres Phänomen. Die Zeit ist gekommen, und wer es verpasst, innovativ zu sein, wird in Zukunft nicht mehr relevant sein. Innovation ist nicht länger nur eine Option; sie ist eine absolute Notwendigkeit.

Zurich-Chef Mario Greco sieht einen perfekten Sturm auf die Branche zurollen, den nicht alle Versicherer in Europa überleben werden. Wird es zu einer neuen Auslese kommen?

Nun, das könnte gut der Fall sein. Wenn Versicherer nicht innovativ sind, werden sie austauschbar. Austauschbare Firmen werden jedoch niemals Marktführer. Und der Zukauf kleinerer Anbieter ist in der Regel keine Lösung. Wenn sie eine Firma kaufen, die noch völlig im alten Denken verhaftet ist, kaufen sie sich eher noch mehr alte Probleme mit ein.

Halten Sie Übernahmen von Versicherern durch große Tech-Konzerne für möglich?

Nein. Kaum eine Branche ist so reguliert wie die Versicherung. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sich ein Technologiekonzern damit herumschlagen möchte, vor allem da solche Konzerne bisher einen engen Regulierungsrahmen aus ihrem Kerngeschäft kaum kennen. Außerdem liegen die Margenerwartungen der Internetkonzerne noch deutlich höher, als was sich in der Versicherungsbranche normalerweise erzielen lässt.

Die Zahl großer Deals in der Branche ist im letzten Jahr wieder gestiegen. Woher rührt diese Übernahmewelle?

Von einer Welle würde ich nicht sprechen. Sehr große Deals haben wir in den letzten Monaten in Europa nicht gesehen. Aber natürlich fließt gerade viel Geld und Talent in Insur-Techs, also Start-ups aus der Versicherungsbranche. Das wird sich sicher auch fortsetzen, denn vielen etablierten Firmen mangelt es an Kundenorientierung und an modernen Technologien, um diesbezügliche Angebote selbst zu realisieren.

Generali hat allerdings gerade in Portugal einen klassischen Versicherer zugekauft, die Allianz in Großbritannien. Peilt auch Zurich in nächster Zeit größere Akquisitionen an?

Wenn wir eine Firma sehen, die eine spannende Lösung für die Branche gefunden hat, würden wir uns das ansehen. Aber Akquisitionen sind nicht der einzige Weg in die Zukunft. Wir können uns auch eine Zusammenarbeit vorstellen, denn eine solche ist sowohl für das Start-up wie auch für uns eine Win-win-Situation: Start-ups sind agil und schaffen es, auf die sich schnell verändernden Kundenbedürfnisse zu reagieren; und sie können ihre Erfahrung an Zurich weitergeben. Andererseits verfügt Zurich über eine breite Kundenbasis, eine globale Reichweite und Branchenerfahrung, die dazu beitragen können, Start-ups den Erfolg zu verschaffen, den sie verdienen. Hier ist auch das finanzielle Risiko deutlich geringer, wenn es dann doch nicht klappt.

Der Börsenwert von Zurich liegt inzwischen höher als jener der Schweizer Bank UBS. Spricht das für die Schwäche der Banken – oder für die neue Stärke der Zurich?

Ich hoffe doch, dass es für die Stärke von Zurich spricht! Viele Länder haben ein schwaches Bankensystem, aber die Schweiz ganz klar nicht. Die Wahrheit ist, dass wir dank unserer Strategie in den letzten drei Jahren große Fortschritte gemacht haben. Ich sah eine Menge Veränderungen und viele Innovationen innerhalb der Gruppe, und der Wandel geht weiter. Der Aktienmarkt reflektiert das einfach.

Herr Giuliani, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Startups wie das Kölner Insurtech Mailo verändern die Versicherungsbranche. Wie das Unternehmen den Markt für Gewerbeversicherungen digitalisieren will, lesen Sie hier.

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