Jan 16, 2020
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Eccd.net presse release news breaking news Haiku für Palästina

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Die Welt in Elia Suleimans Film ist ein merkwürdiger Ort, dafür aber sehr aufgeräumt. Es gibt in „Vom Gießen des Zitronenbaums“ Straßenzüge, in denen weder Autos noch Passanten unterwegs sind, was ein Gefühl des Unwirklichen vermittelt.Und wenn doch einmal leere Flaschen im Bild herumstehen, sind sie so akkurat drapiert, als handele es sich um eine…

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Die Welt in Elia Suleimans Film ist ein merkwürdiger Ort, dafür aber sehr aufgeräumt. Es gibt in „Vom Gießen des Zitronenbaums“ Straßenzüge, in denen weder Autos noch Passanten unterwegs sind, was ein Gefühl des Unwirklichen vermittelt.Und wenn doch einmal leere Flaschen im Bild herumstehen, sind sie so akkurat drapiert, als handele es sich um eine Installation in einem Kunstmuseum. Dass dann etwa diese Flaschen sich neben dem Container türmen, in den sie eigentlich gehören, führt zum spezifischen Witz Suleimans, den er schon in „Göttliche Intervention“ (2001) durchspielte. Und zu seiner Erzählweise. „Vom Gießen des Zitronenbaums“ enttäuscht mögliche Erwartungen an einen narrativen Film, insofern als hier keine geschlossene Handlung entwickelt wird. Vielmehr ereignen sich lauter Miniaturen, die in der Regel zwar inszeniert sind, sich aber auch aus dokumentarischer Beobachtung speisen könnten. In der Literatur würde man von Anekdoten sprechen. Zusammengehalten wird der Film durch seinen Protagonisten – den Regisseur Elia Suleiman, der in „Vom Gießen des Zitronenbaums“ auch so heißt und ebenfalls Regisseur ist. Zumeist macht er aber nicht mehr, als mit ausdruckslosem Gesicht auf die sich vor ihm abspielenden Szenen in Nazareth, Paris und New York zu schauen wie ein ungerührter Stummfilmkomiker.
Braucht es den Beobachter?

Wenn im heimischen Palästina ein Mob mit Stöcken auf ihn zu-, dann aber an ihm vorbeirennt. Wenn der eine Nachbar, der mit dem anderen im Streit liegt, ihm Geschichten von einer Schlange erzählt, die bei der Jagd den kaputten Reifen seines Jeeps wieder aufgeblasen habe. Wenn in Paris ein Krankenwagen vor einem Obdachlosen hält, der als „müde“ Gegenstand eines Notruf wurde und nun mit Essen versorgt wird wie im Flugzeug („Rind oder Hühnchen?“). Dabei kann man sich fragen, ob es Suleiman als Beobachterinstanz überhaupt braucht. Häufig sind sein Blick und der des Films identisch, wenn etwa in Paris die Polizei, jeweils zu dritt, tolle Choreografien aufführt – einmal auf E-Boards, mit denen um ein Auto gekreist wird, unter dem ein Flüchtender einen Strauß Blumen abgelegt hat. Das andere Mal auf Rollschuhen, auf denen wiederum zwei Menschen verfolgt werden, die offenbar Grund zum Wegrennen haben. Wenn Suleiman im Bild ist, kann man seiner ewig nichtssagenden Miene durchaus überdrüssig werden wie auch der statischen, weil frontal und symmetrisch angeordneten Bilder von Kameramann Sofian el Fani. Was auch damit zu tun hat, dass die einzelnen Begebenheiten von unterschiedlicher Qualität sind. Die Ankunft in Paris etwa wird, unterlegt von Nina Simones „I put a Spell on You“, mit Frauen zelebriert, die in Zeitlupe ihre Schönheit spazieren führen, mit Blicken auf Absatzschuhe und Beine, die durch Zwischenschnitte dem im Straßencafé sitzenden Suleiman zugeordnet werden. Ironisch oder satirisch wirkt daran wenig, weil sich diese Passage kaum vom Klischee unterscheidet, das der Film damit vermutlich übertreiben will.Ein bedeutungsloses Bild Wie sich dagegen in einem Supermarkt in New York nach und nach jede Kundin beiläufig als bewaffnet herausstellt – mancher trägt einen Revolver, andere eine Panzerfaust –, ist die viel interessantere Irritation gewohnter Blicke; eine hübsche Fantasie darauf, wie man Waffenbesitz sichtbar machen kann, ohne dass sich im Bild selbst jemand daran stört.

Was das alles meinen soll, ist eine Frage, der Elia Suleiman aus dem Weg geht. „Ich möchte ein absolut bedeutungsloses Bild schaffen, also offen für jegliche Interpretation. Ein Haiku“, erklärte der Filmemacher etwa im Gespräch mit dem Filmmagazin „Cargo“. Wie ihn gewisse Zuschreibungen als Künstler verfehlen, wird in „Vom Gießen des Zitronenbaums“ (im Original übrigens lakonischer: „It must be Heaven“) an seinem Beispiel erzählt. In Paris adressiert ihn ein Produzent mit der Kritik, sein zu förderndes Projekt sei nicht „palästinensisch“ genug, obwohl man es weder „didaktisch“ noch „exotisch“ wolle. Und in New York wird Suleiman, protegiert von Gael García Bernal, bei einem Gespräch über seinen Film (der genauso heißt wie dieser hier) gefragt: „Sind Sie ein perfekter Fremder?“ Was daraus folgt, ist eine Lesart, die einen Grund für die Ablehnung der Zusammenarbeit, den der Pariser Produzent äußert, positiv begreift: dass der Film überall spielen kann, also in Nazareth, Paris und New York. Das „Palästinensische“ wäre dann das Nicht-Dazugehören, das Staatenlose, das aus größerer Distanz auf das schaut, was den jeweiligen Bewohnern der Orte als selbstverständlich gilt. So sieht man eben die Waffen in Amerika oder einen gar nicht laissez-fairen Streit um freie Stühle im Jardin du Palais Royal in Paris. Und ein starkes Interesse an Flucht, Verfolgung und Polizei. Ordnung muss sein bei Elia Suleiman. [„Vom Gießen des Zitronenbaums“ in acht Berliner Kinos (alle OmU)]

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