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Okt 9, 2019
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Eccd.net presse release news breaking news “Joker”: Ein weißer Clown sieht Rot

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Was dieser Film alles sein soll: ein Meisterwerk, na klar. Eine blutige Revolutionsfantasie. Das Manifest aller einsamen, abgehängten, weißen Männer, die sich heute als Verlierer der Geschichte fühlen. Darüber hinaus eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit: Journalisten und sogar die New Yorker Polizei fürchten, die Kino-Vorführungen könnten maskierte Gewalttäter anziehen. Als Antwort darauf ein Witz,…

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Was dieser Film alles sein soll: ein Meisterwerk, na klar. Eine blutige Revolutionsfantasie. Das Manifest aller einsamen, abgehängten, weißen Männer, die sich heute als Verlierer der Geschichte fühlen. Darüber hinaus eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit: Journalisten und sogar die New Yorker Polizei fürchten, die Kino-Vorführungen könnten maskierte Gewalttäter anziehen. Als Antwort darauf ein Witz, er geht so: Zwei Männer wollen aus dem Irrenhaus ausbrechen. Sie klettern aufs Dach, der erste Mann springt über den Abgrund auf das Nachbarhaus. Der zweite Mann verharrt, er fürchtet hinabzustürzen. “Ich habe meine Taschenlampe dabei”, sagt der erste schließlich, “ich leuchte über den Abgrund, und du kannst auf dem Strahl zu mir rüberlaufen.” Der andere Mann schüttelt den Kopf: “Glaubst du, ich bin verrückt? Du machst doch sicher die Lampe aus, sobald ich in der Mitte bin!”

Wer über den Film Joker spricht, und das tun gerade viele, dem sollte nicht der gleiche Fehler unterlaufen wie dem Irren aus dem Witz: Man darf einen sowieso untauglichen Versuch nicht so kritisieren, als hingen Menschenleben von seiner konkreten Ausführung ab. Der Regisseur Todd Phillips, wir müssen gleich noch über ihn sprechen, lässt seine Adaption eines viel bearbeiteten Comicstoffes so harmlos und steif beginnen, als wolle er alle Erwartungen sogleich zerstreuen: mit einer Radiostimme, die uns plaudernd verrät, was wir wissen müssen. Das Jahr heißt 1981, und es steht nicht gut um Gotham City. Der Müll wird nicht mehr abgeholt und verstopft die engen Gassen, die Bürger köcheln wütend vor sich hin, und die Gewaltkriminalität gerät derart außer Kontrolle, dass U-Bahn-Fahren lebensgefährlich wird. Einen Vigilanten im Fledermauskostüm, den Batman, kennt die Stadt noch nicht.

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© Niko Tavernise/​ 2019 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. TM & DC Comics
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Neben dem Ich-erzähl-jetzt-mal-die-Exposition-Radio aber sitzt, den Widrigkeiten trotzend, ein gutherziger Mann vor einem Schminkspiegel und übt sein Grinsen. Er klemmt die Finger unter seine Oberlippe und zieht die Mundwinkel mit Gewalt hoch. Joaquin Phoenix (schon jetzt Oscar-Favorit) spielt den einsamen Aushilfsclown Arthur Fleck, der in dieser gelbstichigen Großstadt sein leeres Leben bestreitet und gegen eine Geisteskrankheit ankämpft, die ihn willkürlich auflachen lässt. Er wünscht sich eine Freundin, aber die einzigen beiden Frauen in seinem Leben sind seine Sozialarbeiterin und seine Mutter, bei der er wohnt. Als ihm Jugendliche während der Arbeit ein Schild klauen, mit dem er fröhlich einen Insolvenzverkauf bewerben soll, muss Arthur ihnen in seinen lustigen Clownsschuhen hinterherrennen. In einer der vielen back alleys, die dieser Film uns so stolz präsentiert, als hätten wir noch nie Mülltonnen und Feuerleitern gesehen, schlagen die Kinder ihn zusammen. Dann verliert er auch noch seinen Job bei der Clown-Leiharbeitsfirma. Der Niedergang aber setzt in Arthur Fleck überraschende Kräfte frei. Was in den folgenden zwei Stunden passieren wird, passt in eine Scherzfrage. “Was kriegt man, wenn man einen psychisch kranken Einzelgänger kreuzt mit einer Gesellschaft, die ihn im Stich lässt und wie Abfall behandelt?”, sagt Arthur Fleck einmal. “Man kriegt, was man verdient hat.” Am Ende des Films ist er ein anderer, na ja, Mensch. Das Grinsen schminkt er sich mit Blut ins Gesicht, vom arbeitslosen Muttersöhnchen wird er zum virilen Terroristen des Irrsinns, zum Joker: Erzfeind Batmans, Clown Prince of Crime, zweitbester Comicbösewicht aller Zeiten (gleich nach Magneto, siehe “The Top 100 Comic Book Villains” auf ign.com).
Todd Phillips erzählt diese Metamorphose nicht als Actionfilm, er macht aus ihr ein ernstelndes Sozialdrama. Seine Motive hat er aus The Killing Joke, einem der einflussreichsten Superheldencomics überhaupt (der titelgebende tödliche Witz ist der über die zwei Irren auf dem Dach). Auch Christopher Nolans Joker-Film The Dark Knight ist ein Vorbild: Heath Ledger hüpfte und trat und trampelte durch diese Aufführung, er zuckte auf seine Gegner zu, als werde er vorangetrieben von kleinen Bomben, die zeitversetzt in seinem schlanken Körper detonierten. Dieser Joker war ein verführerischer Springteufel, der uns zurief: Spaß macht’s nur, wenn gleich einer schreit. Was für ein Joker ist Joaquin Phoenix? Als Arthur Fleck in der U-Bahn von einem Rudel junger Wall-Street-Boys malträtiert wird, schlägt er erstmals zurück: Einen nach dem anderen streckt er nieder, und mit jedem Totschlag fällt Furcht von ihm ab. Anschließend lässt er in einer öffentlichen Toilette vor dem Spiegel seinen Körper kreisen, er fällt in einen Ausdruckstanz, der nur noch entfernt an Heath Ledgers Rausch erinnert. Arme und Beine zeichnen berechenbare Formen in die Luft. Aus dem Kriegstanz eines Anarchisten wird die Performance eines Kreativarbeiters. Er muss um die Aufmerksamkeit eines Publikums kämpfen, dem sein Aufbegehren längst im Programmheft angekündigt wurde. An diesem Missverhältnis scheitert der Film. Er ersetzt, was ihm an Popkultur-Benzin fehlt, durch die Behauptung eines Kunstanspruches, den er dann nicht einlöst: Ein Linsenflackern, das den Moment des Mordes durchblitzt, macht dich nicht zum sensiblen Autorenfilmer. Nur weil deinem Protagonisten am Mundwinkel noch weiße Theaterschminke klebt, bist du kein Intellektueller.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 42/2019. Hier können Sie die gesamte Ausgabe lesen.

Aber das wäre Todd Phillips gern. Er spürt, dass sich mit der Joker-Figur vieles erzählen lassen müsste über die Gegenwart und darüber, warum sie in einer eigentümlichen Mischung aus Lächerlichkeit und Brutalität zu ertrinken droht: Trump, die Trolle im Internet, überall idiotisch lachende Männer. Und Phillips würde, dieser Wunsch spricht aus jeder Szene, so gern als präziser Diagnostiker gelten, weil er ausgerechnet das Problem analysiert, von dem der Multimillionär in seiner bisherigen Karriere (Hangover, Hangover II, Hangover III) sehr gut gelebt hat: die Krise der Männlichkeit. Bloß was soll seine Analyse sein? Erfriert Arthur zum Joker in der ökonomischen Eiseskälte eines deregulierten Sozialsystems, das ihm nicht einmal mehr seine Medikamente zahlt? Oder verformt ihn die sexuelle Frustration? Sein Hass auf die Reichen wäre dann eigentlich einer auf die sexuell erfolgreichen Alphamänner, die den Fleischmarkt kontrollieren, während er, als sei der Joker auch nur eine Figur aus einem Houellebecq-Roman, zu Hause im schimmeligen Bett liegt und an sich herumspielen muss?
Der Film verfolgt mal diese Spur, mal jene, mal gar keine, solange es nur irgendwie so aussieht, als würde er sich Gedanken machen. Was diesem Arthur Fleck tatsächlich passiert, dafür interessiert Todd Phillips sich nicht. Und wäre man ein einsamer oder abgehängter weißer Mann, dann müsste man diesem Regisseur, mit letztem Stolz, antworten: Danke, aber den Sprung in den Abgrund schaffen wir allein. Mach deine Taschenlampe wieder aus.

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